Landratten Auf See

Letzte Woche hatten wir zum ersten mal Besuch auf der Ikoko. Eine ganze Woche lang. Von Bettina und Sascha. Wir haben Bettina gebeten, ihre Erlebnisse aufzuschreiben. Hier also der erste Gastbeitrag auf Stories From A Boat:

Eine Bootsfahrt die macht lustig...


Zwar hatten wir schon seit längerem ausgemacht, dass wir, Sascha und Bettina, Kosta und Stefanie im Oktober auf der Ikoko besuchen wollten – doch als der Zeitpunkt näher rückte, fingen wir doch an, uns Gedanken zu machen. Was, wenn uns schlecht wird von dem Geschaukel? Wie schlafen wir eigentlich? Etwa zu viert in einer Kajüte? Kann man da eigentlich duschen? Und überhaupt: vier Leute auf engem Raum – klappt das denn mit der Privatsphäre?

Dass auch Stefanie und Kosta ein wenig Magenflattern davor hatten, was da wohl mit unserem Besuch auf sie zukommen würde, zeigte sich an einer Email von Stefanie:

So, und Ihr seid also dem festen Willen erlegen, uns auf unserer kleinen IKOKO zu besuchen und Euch eine Woche spartanisches Leben par Excellence anzutun???? Also so richtig, mit nur einem Klo für 4 Erwachsenen, keine Dusche, außer der Solarbeuteldusche, Klopapier in Mülleimer und nicht ins Klo werfen, Kochen auf nur drei Gasdüsen, auf 1,70m hohe/tiefe Durchgänge durchs Boot durchzuwackeln????? 
Ihr seid Willens, im Cockpit ohne Tisch zu essen? Ohne Fön und Rasierer für 220V auszukommen es sei denn, wir sind im Hafen und die hiesigen sanitären Anlagen mit Steckdosen sind vorhanden??? :-)))))))“

Klar, dachten wir mutig, das schaffen wir locker, auch wenn uns die Klopapiernummer doch etwas schlucken ließ. Aber, wat mut dat mut, wir sind doch keine Weicheier, aber Hallo! Wir schrieben also zurück, no problem, folks. We are ready to rumble!!

Sonntag, 13.10.
Am späten Nachmittag landeten wir bei strahlendem Wetter in Faro und fuhren mit dem Flughafenshuttle nach Portimao, wo Stefanie und Kosta uns am Treffpunkt an der Marina abholten. Braungebrannt und glücklich strahlend. Auch ein Blinder merkte, dass sie ihr Leben gefunden haben.

Unser erster Eindruck von der Ikoko: Wow, das ist ja saugemütlich!!! Wir waren selbst überrascht, wie wohl wir uns sofort fühlten. Klar war es hier ein bisschen enger als zu Hause, aber das störte uns überhaupt nicht. Rasch packten wir unsere Sachen aus und verstauten die Rucksäcke. Wir bekamen eine kurze Bootsführung, und im Anschluss machten wir einen Spaziergang rund um die Marina. Ein weitläufiger Platz, ruhig und heimelig. Wir läuteten den Abend und die gemeinsame Woche mit einem Cocktail an der Strandbar ein, zurück auf dem Boot gab es dann hausgemachte Kartoffelsuppe von Stefanie. Lecker!! Ein bisschen Ratsch und Tratsch darüber, was im Bekannten- und Freundeskreis geschehen ist, seit die beiden sich vom Acker gemacht haben, dann machten wir uns bettfertig. War ja auch ein langer Tag.

Sundowner an der Strandbar

Das leichte Schaukeln des Bootes wiegte uns sanft in den Schlaf und nein, die Kartoffelsuppe kam nicht wieder hoch!

Montag, 14.10.
Leider stand der Montag, den wir noch gemütlich in der Marina verbringen wollten, unter einem etwas unglücklichen Stern: Ich hatte mir den Ischiasnerv eingeklemmt und humpelte gebeugt wie ein altes Hutzelweibchen durch die Gegend. Versuche, die Sache wieder in den Griff zu bekommen (die Füße nach oben an den Mast gelehnt, sanfte Rückenübungen, ausdauernde Rückenmassagen von Stefanie) schlugen leider fehl. Also, auf zum Arzt. Kaum vier Stunden und eine Spritze später war ich wieder wie neu. Jetzt konnte unser Segelurlaub so richtig beginnen!

Während ich mich noch von meinem Arztbesuch erholte, indem ich faul an Deck in der Sonne lag, gingen die anderen einkaufen. Beim Abendessen besprachen wir die Segelroute, die Kosta geplant hatte. So sollte der morgige Tag zu einem etwa 40 Seemeilen entfernten Ankerplatz in der Nähe von Olhao führen.

Da auf einem kleinen Boot alle mithelfen müssen, bekamen wir zwei Landratten zunächst eine Sicherheitseinführung, um im Notfall nicht völlig verängstigt in der Ecke zu hocken. Kosta erklärte, wo der Motor war und was es im Handling zu beachten gab. Wir lernten den Unterschied zwischen Mayday, Mayday, Mayday, Securité, Securité, Securité oder Pan-Pan, Pan-Pan, Pan-Pan. Wir erfuhren, dass Kanal 16 für Notrufe freigehalten werden musste und dass man vor allem in brenzligen Situationen dem Skipper immer sofort Folge zu leisten hat - selbst wenn man den starken Drang verspürt, eigene Vorschläge zu diskutieren oder die Befehle gerne etwas feinfühliger formuliert gehabt hätte. Ein bisschen aufgeregt waren wir nun doch, als wir abends in unsere Koje hüpften. Schließlich würde sich morgen erst richtig herausstellen, wie seetauglich wir zwei waren!

Dienstag, 15.10.
Ein gemütliches Frühstück, dann ging es gleich weiter mit den Erklärungen. Kapitel 2: Segeln für Dummies.

Und das haben wir gelernt:

  • Wenn ein Segler port sagt, will er in erster Linie nix zu trinken, sondern meint die linke Seite des Schiffes.
  • Das ganze Seilzeugs, das da auf dem Boot rumhängt und -liegt, heißt Leinen und nicht dicke Bindfäden.
  • Ein Palstek ist ein Knoten und kein zu bleich geratenes Steak.
  • Es gibt einen signifikanten Unterschied zwischen einer Klampfe und einer Klampe.
  • Belegen heißt nicht Wurst auf einer Scheibe Brot zu drapieren, sondern eine Leine festmachen.
  • Eine Winsch ist eine Winsch ist eine Winsch,
  • und eine Vorspring ist nicht etwa eine fröhliche Leine, die allen anderen voran hüpft, sondern eine Leine, die vom Boot aus gesehen vorne am Boot fest gemacht ist und nach achtern an Land läuft.

Mit stolz geschwellter Brust über unser neues Wissen, machten wir uns also ans Ablegen, das heißt, machten unter Kostas Regie die Leinen los, tuckerten aus der Marina hinaus und hissten die Segel. Hah, lief doch alles wie am Schnürchen! Ach ja und vor lauter Aufregung haben wir ganz vergessen, dass uns ja schlecht werden sollte! Von wegen Landratten. Jetzt fühlten wir uns wie waschechte Segelmäuse!


natural skipper
natural skipperess
Die Sonne strahlte, nach anfänglicher Flaute blähte der Wind langsam die Segel, wir nahmen an Fahrt auf. Vier Knoten, fünf Knoten, fast sechs Knoten brachten wir zustande. Ich legte mich an Deck in die Sonne und starrte fasziniert auf das blauglitzernde Meer. Sascha übte sich im Steuern. Was soll ich sagen? Es war einfach nur schön. Weder Sascha noch ich hatten eine besondere Affinität zum Segeln, genauer gesagt, wäre ich nie wirklich auf die Idee gekommen, dass Segeln etwas sein könnte, was ich dringend einmal erleben muss. Da gab es andere Dinge auf der To Do Liste. Aber jetzt, auf dem Schiff, mitten auf dem Meer, blauer Himmel über uns – plötzlich fragte ich mich schon ein wenig, was der gemeine Mensch eigentlich am Landleben so toll fand.

Es war schon dunkel, als wir in unsere Ankerbucht einfuhren. Die vielen Lichter, Bojen und das ganze andere Geblinkel war auf den ersten Blick ausgesprochen verwirrend. Umso beeindruckender war es, wie Kosta zielsicher durch die Bucht navigierte, als hätte er in seinem Leben nie etwas anderes gemacht.

Endlich war der Ankerplatz erreicht. Stefanie und Sascha ließen den Anker runter und da lagen wir nun. Um uns herum ein paar andere Boote, das leise Plätschern der Wellen und die Sterne am Himmel. Kitsch as Kitsch can be, aber genauso wars halt.

Einfahrt zur Lagune bei Olhao bei Sonnenuntergang

Ach ja, in diesem Zusammenhang lernten wir auch das Ankerbier kennen, das sich sofort größter Beliebtheit erfreute – zumal es erweiterbar ist. Für den Rest unserer Segelwoche gab es neben dem Ankerbier das Marinabier, das Dinghy-Bier, das Anleg-Bier, das Ableg-Bier, das Beleg-Bier – well, you get the idea.

Mittwoch, 16.10.
Als ich die Augen aufschlug und durch die Luke blickte, war da nur Wasser, blauer Himmel und Sonne. Mann, Mann, Mann, das Leben kann wirklich grauenhaft sein. :-)

einsame Strände...


Nach dem Morgenkaffee (nein, kein Morgenbier) stand schon das nächste Abenteuer parat. Dinghyfahren. Ich sprang mit Kosta ins Boot, er erklärte mir die Handhabung und kurze Zeit später sauste das Dinghy fröhlich über die Wellen. Na ja, es eierte ein bisschen, weil ich mit dem Lenken noch etwas zu kämpfen hatte. Nach der kleinen Übungsrunde durfte sich auch Sascha einmal als Dinghyfahrer probieren, was er, zugegebenermaßen, weitaus geradliniger hinbekam als ich.

Dinghy fahren macht Spaß


Schließlich packten wir unsere Badesachen, hüpften zu viert ins Boot und suchten uns einen kleinen ruhigen Strand. Nur wir vier und eine Packung Kekse, die jedoch eine ausgesprochen kurze Halbwertszeit hatte.

Nach etwa zwei Stunden beachen wurde Sascha unruhig, da sein Magen ihm klarmachte, dass die „paar Kekskrümel“ zwar ein netter Versuch waren, mehr aber auch nicht. Bei unserer vorangegangenen Dinghy-Übungsfahrt hatten wir einen kleinen Fischerhafen mit angeschlossenem Café endeckt. Das steuerten wir an. Und wieder überfiel uns das gleiche Gefühl, wie schon so oft in den letzten Tagen: Wow, that’s it. In der Sonne sitzen, auf die Fischerboote und das Meer schauen, die Gedanken vorbeiziehen lassen, Toast essen, Bier, Kaffee und Rotwein trinken und sich die Sonne auf den Pelz brennen lassen. Neben dem Café war ein kleiner Supermarkt, der unsere Verpflegung für den Abend sicherte und der kleine Ort namens Ilha da Culatra, der sich hinter dem Supermarkt erstreckte, war so romantisch, wie man ihn sich in einer Vorabendserie vorstellt. Mit einem Unterschied: it’s real!

Culatra Island. Links weiter hinten ist der Ankerplatz

downtown culatra

Schöner wohnen... vor allen Dingen ursprünglich und ruhig


Zurück auf der Ikoko machten Sascha und ich Bekanntschaft mit der Solardusche. Ein schwarzer Beutel, gefüllt mit Wasser, das sich über den Tag hinweg durch die Sonneneinwirkung aufgeheizt hat, wird am Mast befestigt. An die Öffnung schraubt man einen Plastikschlauch mit einem Mini-Brausekopf – und fertig ist die Outdoor-Dusche. Aber ob die zehn oder fünfzehn Liter Wasser für zwei Leute reichen würden? Ich war skeptisch. Und umso überraschter, dass nach zwei ausführlichen Duschen, inklusive Haare waschen, immer noch Wasser im Beutel vorhanden war!

Solarduschen macht Spaß

Wir genossen die letzten Sonnenstrahlen, bei einem Sundowner-Bier, auf dem Boot und während wir Mädels uns im Anschluss in die Vorbereitung für das Abendessen, stürzten, fachsimpelten die Männer im Cockpit über WLan-Antennen und andere überlebenswichtige Dinge. Die Wellen plätscherten leise, die Sterne am Himmel... usw. Also, ganz ehrlich, wenn das so weitergeht, kann es passieren, dass Stefanie und Kosta uns gar nicht mehr loswerden!

Donnerstag, 17.10.
Ein wenig tat es uns leid, diesen wunderbaren Ankerplatz zu verlassen, aber wir mussten uns schon wieder Richtung Portimao bewegen. Doch zunächst wollten wir noch einen Stopover im circa 20 Seemeilen entfernten Vilamoura machen.

Nach einer aufregenden Ausfahrt aus der Bucht bei Strudeln und einströmendem Wasser wollten wir gern die Segel hissen. Tja, Pustekuchen. Der Wind schien heute die Luft anzuhalten, jedenfalls war kein Lüftchen zu spüren. Also blieb der Motor an und wir tuckerten gemächlich über das Wasser. Das eintönige Motorengeräusch und das sanfte Schaukeln hatte eine wahrhaft einschläfernde Wirkung, zumindest auf die weibliche Besatzung der Ikoko. Stefanie und ich zogen uns in unsere Gemächer zurück und krochen erst wieder aus den Kojen, als unsere Hilfe benötigt wurde. Wieder wurden wir instruiert, wer welche Leinen wo festmachen soll, wenn wir gleich am Anlegesteg ankamen. Jeder im Boot hatte seine Aufgabe, und jeder verließ sich darauf, dass er sie richtig ausführte. Segeln ist weiß Gott kein Sport für eingefleischte Individualisten.

Wir buchten eine Nacht in der Marina von Vilamoura und steuerten zu dem uns zugewiesenen Platz.
Was für ein Unterschied zu der Stille unseres Ankerplatzes!

Marina in Villamoura (Bild ausgeliehen von TripAdvisor)


Es herrschte „Hustle and bustle“, wie der Amerikaner zu sagen pflegt. Schicke Boote und Yachten, wohin das Auge blickte. Die Straße, die an der Marina entlangführte, war gesäumt von schicken Cafés und Restaurants, in denen ebenso schick gekleidete Menschen saßen. Auch nett, aber eben anders. Wir suchten uns ein kleines Café mit Selbstbedienung und hielten Kriegsrat. Den Gedanken, essen zu gehen, ließen wir gleich wieder fallen, weil es auf dem Boot einfach am schönsten war. Außerdem wurde mir an Land zunehmend schwummrig. Besonders in geschlossen, engen Räumen, hatte ich das Gefühl, alles um mich wackelt und schaukelt. Seekrankheit reverse?

Freitag, 18.10.
Der Rückweg nach Portimao gestaltete sich – ausgesprochen schief. Da der Wind von schräg vorne kam, krängte das Boot und wir hingen, mit Händen und Füßen eingespreizt, im Cockpit, um nicht wie die Bauklötzchen rumzukullern. Das war zumindest für uns beide nochmal etwas anderes, als das ruhige Segeln am ersten Tag. Jetzt bekamen wir auch einen kleinen Eindruck davon, wie Segeln aussehen kann, wenn es mal nicht so gemütlich ist.

Doch Kosta brachte uns auch an diesem Tag safe and sound wieder dorthin wo wir hinwollten und Sascha durfte sogar zum Abschluss das Boot bis zum Anlegplatz steuern, was er mit Bravour erledigte.
Den Abend verbrachten wir gewohnt, ruhig und entspannt auf der Ikoko, bei einem leckeren Abendessen und einem Heimkehr-Bier.

Samstag, 19.10.
Der letzte Tag vor dem Heimflug begann mit einem ausgiebigen Frühstück bei Papa Jorge, einem kleinen Café mit Wlan-Anschluss. Vier Kaffees und vier Toasts auf dem Tisch, an dem vier Menschen saßen, die alle gebannt auf ihr Handy, ihren Laptop oder ihr Tablet starrten. Außerirdische, die uns möglicherweise beobachteten, sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen, dass wir uns angeregt mittels Gedankenübertragung unterhalten haben. Nur das komische Zeug, das da auf dem Tisch stand, war für sie nicht erklärbar...

Den Rest des Tages verbrachten wir in Portimao, spazierengehend und shoppend. Für uns war es wohl der letzte Tag in diesem Jahr, an dem wir kurze Hosen und Flip-Flops tragen konnten.

Ein bisschen wehmütig waren wir beide schon an diesem Abend, an dem wir uns zum letzten Mal sanft in den Schlaf schaukeln ließen. Eine Woche mit vielen neuen Erfahrungen lag hinter uns, eine Woche, in der wir ein neues Lebenskonzept kennengelernt haben, das uns nicht nur gefiel, sondern auch zum Nachdenken brachte.

Stefanie und Kosta haben uns mit offenen Armen empfangen und uns in dieser Woche das Gefühl gegeben, einfach dazuzugehören. Stefanie macht den besten Cappuccino (das hat sie spätestens in dieser Woche gelernt, nachdem Sascha stündlich eine Tasse geordert hat :-)), und Kosta ist die Geduld selbst, wenn es darum geht, Landrattenfragen zum Thema Segeln zu beantworten.

Lecker Schnittchen.



Vielen lieben Dank euch beiden und auch wenn es sich jetzt für euch wie eine Drohung anhört: Wir würden uns freuen, wenn wir euch mal wieder besuchen dürfen!

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