Ikoko Segelt Über Die Biskaya, Oder Bin Ich Segler, Oder Was?



von Stefanie: endlich haben wir Zeit, diesen Bericht online zu stellen. Wir liegen gerade vor Anker in Muros. Das ist ein kleines Örtchen in einer der Rias im Norden Spaniens. Aber dazu mehr in einer anderen Geschichte. 

Und weil die Biskaya für uns ein erstes langes Seestück war, ist der folgende Artikel auch etwas länger. Deswegen erstmal eine kurze Zusammenfassung für Schnellleser. 

Wir mussten da ja irgendwann mal rübber. Ich gerne noch mit einer mind. dritten Person, Kosta lieber alleine, weil wichtig für uns und das Boot! Na gut. Wir wußten um die Steilküste in der Biskaya unterm Wasser von 200m auf 5000m! Aber wie sieht das in Wirklichkeit aus? Hohe Wellen, wilde Wellen? Was, wenn dann auch noch der Wind dazu kommt? Keine Idee, keine Vorstellung, aber einen heiden Respekt und ein ganz klein wenig Schiß.

3 Tage und 3 Nächte sind wir dann rübergejucketl. Mal mit mehr, mal mit weniger Waschgang. Hatten unsere Höhen und Tiefen, nicht nur wellenbedingt. Dafür aber viele tierische Begleiter. Angefangen von den Fliegen, Vögeln und Motten bis hin zu den Flippern, Walen oder und sogar einer Fledermaus. Und das alles für lau. Naja, wir haben schon ein paar Nerven gelassen. Aber jetzt haben wir es geschafft, sind glücklich und sehr stolz darüber. Jetzt haben wir den Ärmelkanal und die Biskaya geschafft. Für uns ein großer Schritt in die Freiheit. Jetzt sind wir einerseits weggekommen und hier in Spanien in der Wärme angekommen. Das Leben kann nun wirklich beginnen, das laue :-)))

Aber jetzt erstmal der Reihe nach:

Ja, diese Überfahrt von 370 Seemeilen kurz SM oder NM (nautical miles), welche ca. 700km betragen hört sich im ersten Moment ja gar nicht so krass an. Aber wenn man täglich nur ca. 120- 140 SM (in 24 Stunden) schafft, ergeben das 3-4 Tage und 3 Nächte. Und da ich ja nachts lieber schlafe, als mich irgendwie auf einem Boot ins Nichts zu steuern, hing diese Seefahrt so gar nicht lustig über unseren Köpfen. Wir hatten einen heiden Respekt und einen riesen Schiss davor. 

Ja, wir sind ehrlich. Wir kennen unser Boot ja noch gar nicht so richtig und ich kann doch sowieso nicht segeln (Anmerkung von Kosta: "Stimmt doch gar nicht"). So lag die ganze Verantwortung bei Kosta. Wann wir fahren, welchen Kurs wir fahren, wie steht der Wind, die Strömung? Passt alles, können wir es wagen? Ja, und dann war da ein sehr günstiges Wetterfenster, das wir nicht ignorieren konnten und unsere Segelfreunde von der Nikita (mit einem 8.5m Alufahrtensegler (nikitaoffshore.wordpress.com/ ) wollten auch rübber.

Na, wenn die das schaffen, schaffen wir das doch auch, oder?

Also, dann nochmal getankt, die erwartete Post in Hafenbüro umgeleitet, ein paar letzte Croissants und Baguette gekauft, alles an Bord segelsicher verpackt und verschlossen, meine Französischkenntnisse ebenfalls und schon sausen wir haarscharf an einem Marineboot vorbei in die Biskaya. Laut Plotter sind es dann 4 Tage und 20 Stunden....stöhn.....erst noch ein paar Fotos von der S/V Nikita gemacht, damit die auch mal Fotos haben, wie die segelnderweise aussehen. Und wir haben auch welche bekommen:






1. Tag halb zwölf in Camaret-sur-Mer: Wetter ist gut, Wind auch, die IKOKO liegt gut am Wind, wir machen ordentlich SM gut.

Wir trauen uns nicht, irgend etwas anderes zu machen, als auf das Wasser, die Segel und das Boot zu achten und zu schauen. Ein Buch liegt zwar neben mir, aber das bleibt erstmal noch geschlossen. Aber es ist so schön und die IKOKO wiegt sich so sanft auf den Wellen, dass ich endlich das Buch, ein Geschenk einer lieben Freundin, aufschlage. Sergio Bambaren „Das weiße Segel“. Ein Traum und so was von passend für unseren/meinen Moment. Nicht, dass wir Beziehungsprobleme gehabt hätten, aber die Reise an sich und was da alles dahintersteckt, passt wie die Faust auf's Auge. Es regt auf jeden Fall zum Nachdenken an.

Am Abend dann die schöne Abwechslung und Überraschung: Delphine sprangen am Bug auf und ab. Große dunkelgraue mit weißen Bäuchen. Ganz viele, ganz große Schule. Die hatten einen Spaß und angeguckt haben sie einen. Toll. Was ein schönes Erlebenis. Bei Flippern geht mir immer das Herz auf. Ich weiß nicht, was das ist.



Dann ward es Nacht, Stefanie müde und legte sich hin. Kosta hielt Wache und erzählte, dass die Flippers uns noch bis spät in die Nacht gefolgt sind.

Die Nacht brach an. Kosta war aufgeregt und gar nicht müde, weil der Tiesprunfeng der Biskaya begann. Von 200m Tiefe auf 5000m !! Und da waren der Wind und die Wellen recht kabbelig. Da konnte und wollte Kosta mich nicht allein lassen und das Boot lieber selber steuern. Mir recht. Ich verzog mich in die Lotsenkoje. Die liegt direkt unter dem Cockpit. Keine gute Idee, denn entweder röhrt dort der Motor, der Autopilot oder der Propeller auch ganz allein.

Der Motor ist naturgemäß laut, da kann man sich dran gewöhnen und manchmal kann ich sogar sehr gut damit einschlafen. Der Autopilot summt eben immer herum, wenn er das Ruder auf den richtigen Kurs halten will/muss. Der Propeller lässt sich bei uns leider nicht feststellen, wenn der Motor nicht läuft. Das ist seltsam und eigentlich nicht richtig und vor allem nicht gut. Denn bei einer bestimmten Geschwindigkeit und Krängung (Schräglage) des Bootes fängt der an zu rotieren und zu scheppern. Hat wohl eine Unwucht drin, dass es einen echt aus den nicht vorhandenen Federn holt. Sehr unangenehm, wenn man direkt daneben liegt. Ich hatte immer Angst, dass der Propeller sich verabschiedet oder irgendwas anderes passiert. Hab mich dann immer gefragt, was denn anderes passieren könnte? Propeller ab, Wasser rein? Durch die Unwucht ausgeschlagene Halterung, und/oder kaputt, Wasser rein? Naja, irgendwie bekam ich etwas Schlaf und am Morgen um 5 oder 6 konnte ich Kosta dann ablösen.

Zitat aus unserem Logbuch von Kosta geschrieben:

“ 0000 h; 39.42 47° N 5° 47.64 W; Wind 4; SOG 7kn; Kurs 230° (T); 1019nPa
Hatten vorhin ein wenig zuviel Segel. Genua gerefft. Groß weiter gefiert. Seitlich ein paar Fischer, aber weit weg. Superschönes fluoriszierendes Wasser, wie ein Sternenmeer. Delphine sind immer noch da. Schießen durchs Wasser wie Torpedos. Alles glitzi, wie Sternenregen. Sternenhimmel auch schön.“









2. Tag: Kosta ging dann aber doch erst so gegen 9 oder 10 am Morgen in die Koje. Erst wollte er noch die ganzen Containerschiffe checken, die auf einmal aus dem Nichts unseren Kurs kreuzten. Wo kamen die alle her? Die ganze Zeit kein einziger und dann alle an dersellben Stelle zur selben Zeit. Sollte es etwa ein Nachtfahrverbot für diese Region geben? 

Neben der Kabbelei kamen in der Nacht noch jede Menge Fischer aus ihren Löchern gekrochen. Nicht, dass die sich an die Lichterkennung halten würden, die international bekannt und vorgeschrieben sind. Ist es nun ein Schleppkahn, sind es zwei, die zusammen ein Schleppnetz zwischen sich nachziehen oder all die kleinen Bötchen, die nur ihre kleinen Netze auswerfen oder die Langusten und Krebskörbe mit bunten Bojen nach unten fallen lassen???? Naja, hat Kosta alle souverän, aber kopfschüttelnd umschifft. 

Meine 2-3 Stunden Wache war unspektakulär bis langweilig. Hab wieder gelesen und nach jedem Kapitel Ausschau gehalten. War aber eben nichts zu sehen. Der Wind kam immer noch ganz gut von hinten und wir kamen ordentlich voran. Ich habe sogar mal am Bug auf dem Deck gelegen und das Auf und Ab genossen und nachgedacht und nichts gedacht und bin dann sogar mal eingeschlafen. Schön ist das!




Am Abend dann die Krise. Wir wissen gar nicht so echt warum. Der Motor lief und dann doch wieder nicht, obwohl er in Camaret eine Dieselansaugpumpe gestiftet bekommen hat. Die soll helfen, den Diesel aus dem sehr tief gelegenen Tank in den Motor zu transportieren. Der Motor fing aber wieder das „Suchen“ an. Sehr deprimierend. Und die Solarpaneelen haben bei praller Sonne nicht ein winziges Ampère geladen. Voll ätzend. Wofür das Ganze überhaupt? Warum geht nie nichts? Geben teures Geld für Repararturen und Gerätschaften aus und dann funktioniert nichts. Wenn man wenigstens wüßte, dass es überhaupt mal klappt – aber nein – nicht bei uns! Und dann ständig der Wind gegen uns und gegen aller Wettervorhersagen! Voll nervig!

Also Boot verkaufen, VW Bulli kaufen und damit weiterreisen oder gleich eine Hütte in den Bergen mit Garten, Blumen und Gemüse im Beet und ein paar nette Tiere dazu. Das ist doch alles viel gemütlicher als dieses ständige wellige Auf- und Ab und wenn in einem Haus was nicht funtkioniert, dann repariert man das einmal und dann läuft das , aber hallo!!!! Naja, nach ein paar Wasser- und Tränenwellen meinerseits haben wir uns wieder beruhigt. Kosta konnte dann auch mal 5 Stunden am Stück schlafen und ich ab 3 Uhr dann auch. Diese Nacht war etwas ruhiger, dafür sehr feucht und kalt.

3. Tag: Wir bekamen auf unsere Verzweiflung dann doch noch unsere Antwort: Um 8 Uhr schrie Kosta mich aus dem Bett – WALE! „Da war eben ein Wal neben mir aufgetaucht und hat mich mit Tröten und Wasserfontäne erschreckt. So groß wie unser Boot!!!“ sprach Kosta, ganz verwirrt und entrückt. Wie schnell ich aus dem Bett gesprungen bin war Weltrekord und wird nie wieder erreicht werden! :-) Aber es war nur einer :-( Aber dann um halb 11 ging's los. Ein Tröten und Pfeiffen nach dem anderen. Es muss eine ganze Herde gewesen sein, an die 50 Wale, alle so groß wie unser Boot und ganz gemütlich sind die an uns vorbeigeglitten. Und immer mit gebührendem Abstand zu unserem Boot. Es waren wohl Zwergwale, soweit wir das erkennen konnten und im Nachhinein bei den Herren Google und Wikipedia erforschen konnten. Mei war des schee und aufregend und alle haben sie bei uns Luft geholt. Vorher nicht und nachher nicht. Warum machen die das? Sind die etwa neugiereg oder ist das eine rein technisch-zufällige Angelegenheit? Vielleicht sind schon fünf Herden vorher an uns vorbei geschwommen und wir haben es nicht bemerkt, weil sie einfach nicht bei uns aufgetaucht sind?

Auf unserer Facebookseite haben wir ein kurzes (nicht bearbeitetes) Video hochgeladen

Und der Wind und die Sonne waren dann auch wieder gnädig mit uns. So ist Segeln und Leben schön! Wir sind halt Wir sind halt doch Weichspül-Segler.

Am Nachmittag dann die nächste Überraschung. Wir haben ja schon Motten, Fliegen, Spinnen und anderen Getier an Bord gehabt, Spatzen, gelbe Vögelchen (nein, keine Kanarien- oder die artverwandten Kanalienvögel :-) ) sondern, jetzt halte Dich fest: Eine Fledermaus!!! Ich dachte, ich seh nicht richtig. Mitten in der Biskaya 2ookm vom Festland entfernt. Was macht die hier? Die wollte sich bei uns einnisten, ist immer an den Mast mit seinen Leinendurchlässen ran. NEIN, nicht schon wieder Getier in unserem Mast! Wir haben dann versucht sie davon wegzudrücken. Die hatte sich aber ziemlich festgeklammert. Irgendwie flog sie wieder weg, kam wieder und so ging das dann ein paar Minuten. Ich sag zu Kosta, die können wir doch jetzt nicht stundenlang von unserem Boot wegscheuchen. Naja, irgendwann war sie weg – dachten wir. Wir erholten uns so gemütlich auf dem Deck sitzend und ich dachte, ach schaust Du doch mal, ob sie nicht doch am Mast auf der anderen Seite hängt und kaum tat ich ein paar Schritte, krabbelte sie von der Großschotführung an Deck auf die Dinghyhaufen zu und verschwand dort darunter. Tse, so ein gewitztes Viecherl. Dort haben wir sie dann in Ruhe liegen gelassen.

Das ist sie natürlich nicht, die Fledermaus. Aber irgendwie finden wir das Bild mit ihr nicht mehr. Dafür hier die Motte, die es auch bis weit raus aufs Meer geschafft hat. 



Die Nacht war dann wieder recht kabbelig, weil wir wieder den Tiefensprung von 5000m auf 200m gemacht haben. Der Wind tat sein übriges Fieses dazu und für Kosta war wieder nicht an Schlaf zu denken. Ich konnte auch nicht, schließlich ist uns an diesem Abend zum dritten Mal die Besteckschublade rausgerutscht.. Obwohl wir den Knopf fest zugedrückt hatten!!! 

Dann hatte ich mich auf das Gästebett verzogen, um mehr Ruhe zu haben, aber da bin ich dann bei einer fetten Welle runtergerutscht. Das war der klassische „SSSST-Bums-Effekt“ oder auch als „Phänomen der Schräge“ bekannt http://www.youtube.com/watch?v=ncD4YEn4de8. Bin aber mit den Füßen aufgekommen und nichts ist gebrochen. Alles halb so schlimm. Kosta hatte zwar einen Rumms gehört, dachte aber nicht dran, dass ich das hätte sein können. Tse.....

Dann wieder diese konfusen Wellen, von links, rechts, hohe, kurze Wellen, Wind mit 35 Knoten und überhaupt. ABER, mein Kosta hat das wieder souverän gemeistert, sich um die Fischerboote und ihre Netze herumgeschlängelt, die Segel ordentlich gerefft und hat damit die IKOKO wieder etwas besser kennengelernt und zu beherrschen gelernt. Tolles Boot mit wahnsinnig guten Eigenschaften. Es ist gut, dass das Cockpit schmal und klein ist.

Tja und dann graute der Morgen – nein, nicht dem Morgen – und A Coruña ward schemenhaft zu erkennen. Dann deutlicher. Auch ein Kreuzfahrtschiff schickte sich an in den Hafen einzulaufen.


Und dann haben wir um 9:00 am Steg des Marina Coruña festgemacht. Geschafft!!!!

Unser Fazit:

370 SM insgesamt
3 Tage 3 Nächte waren wir unterwegs oder auch 70 Stunden
der Motor lief insgesamt 11 Stunden

Tiere gesichtet bzw. an Bord: 1 Motte, fünf Kleinstfliegen, 1 Wespe, 1 Schmetterling,
1 "Kanalienvogel", 1 Fledermaus, 1 Schule Delphine, 1 Herde/Schule Wale

Nahrungsaufnahme: Kaffee, Kaffee, Kaffee, Tomate-Mozzarella mit frischem Basilikum, gekaufter Nudelsalat, div. Obst, 10 Doppelpacks Raider, Käseplatte

Schäden Boot: zwei Löcher im Großsegel – bereits repariert
Schäden Crew: seelische Grausamkeit – bereits repariert => keine Scheidung! :-)

Tolles Erlebnis. IKOKO kann was, wir noch nicht :-)

Zu Beginn und am Ende war es das, was man sich allgemeinhin unter Biskaya vorstellt: Waschmaschine. Wir sind aber durch und sind stolz darauf! Jetzt können wir uns hier in der Sonne freuen, Caffé con leche und Toast mit Tomate schlemmen und einfach mal Beine und Seele baumeln lassen.

Wäsche ist schon gewaschen, Boot ebenfalls. Heute, am Sonntag passiert auch nicht soviel in Spanien, also lassen wir es uns einfach nochmal gut gehen. Außer, dass hier alle zwei Stunden geböllert wird. Haben leider nicht herausfinden können, was der Grund ist.

Diese Woche, wenn der Wind gut steht, soll es dann weiter in eine der bekannten Rias gehen. Flussdeltas zum Ankern und Dinghy (Beiboot) fahren. Wieder was Neues. Ohne Festlandstrom (220V) und fließend Wasser und Duschen. Müssen dann mal unseren Beutelsonnendusche ausprobieren....

Aber das ist eine andere Geschichte.

Also, lass es Euch auch gut gehen, eine schöne Woche und bis bald

Es grüßt die Maschinistin
stefanie. mit dem Superduper-Autopiloten-Skipper KOSTA


2 Kommentare :

  1. Klasse geschrieben, grosses Abenteuer und es fängt erst an. Weiterhin ois Gute.
    \Dirk München

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  2. Danke Dirk. Ja, es fängt erst an. Das ist das schöne daran. :-)

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